„Rock ist Kultur, Regaeton ist Agrikultur“

Die Clique am Denkmal liebt das Land, die harte Rockmusik und verabscheut Regaeton, Cumbia und die Emus. Sie sehen sich als einen „tribu urbana“, einen Stamm aus der großen Wildnis Stadt, als eine pandilla de roqueros, eine Rocker-Clique.

34 Grad auf der „Plaza Libertad“, ein lauer Spätnachmittag im Zentrum Asuncións. Bei einem ambulanten Mate-Tee-Verleih „leasen“ wir einen eisgekühlten Tereré mit Yuyos (Kräutern). Eine Promotion-Firma auf der Plaza lädt zum Biertesten ein. Viele, die hier abhängen, folgen dem Ruf der Werbeagentur. Sie bekommen einen Pappbecher des kühlen Gerstensaftes gereicht und müssen dafür einen Fragebogen ausfüllen. Drüben am Denkmal lagert eine in schwarze T-Shirts gekleidete Gruppe von Jugendlichen. Hin und wieder kommt einer von ihnen rüber, um die neue Biersorte zu prüfen – und seinen Durst zu stillen.

Reportage: HORST MARTENS / Fotos: THOMAS Schmidt

Wir entscheiden uns, die Jugendlichen anzusprechen. Sie haben keine Hemmungen, mit uns, den Älteren, zu reden. Rafael und Carlos tragen T-Shirts mit Aufdrucken der Ramones. Damit ist klar, worauf sie stehen. „Wir sind Roqueros, Liebhaber der Rockmusik: Iron Maiden, Ramones, Black Sabbath.” Nach der Arbeit oder nach dem Studium treffen sie sich am Denkmal. „Wir tauschen Meinungen über unser Leben aus“, sagt Rafael. „Zwischen 15 und 20 Uhr sind wir hier. Hier organisieren wir uns, gehen zu Konzerten. Alles solche Sachen.“

Für die Legalisierung von Marihuana

„Sí“, sagt Samuel Moreira, der in einem Handyladen arbeitet, „wir sitzen hier und trinken unseren Tereré.“ Ob es auch manchmal was stärkeres ist? „Drogen? Ich nicht. Ich halte mich von den Drogen fern. Zigaretten, nomás. Früher schon.“ Jemand im Hintergrund sagt: „Es un degenerado („Er ist entartet“.) Er raucht Marihuana, Crack y toda esa honda („und diese ganzen Sachen“). Carlos Gutierrez steht plötzlich auf und sagt: „Wir sind für die Legalisierung von Marihuana.“

Eine junge Frau mit millimeterkurzem Haar und gestreiftem T-Shirt verdreht die Augen und lässt ein verruchtes „Ooooh“ hören. Alle lachen. Sie heißt Fátima. An ihren Klamotten merkt man, dass sie nur Gast in der Clique ist. An ihrem Akzent merkt man, dass sie vom Rio de la Plata kommt. Für das Wort „Ich“, in Spanisch „Yo“, sagt sie „Choo“ wie die Argentinier und die Uruguayer. Die Paraguayer sprechen es wie „Djo“ aus. „Choo soy Uruguacha“, lüftet Fátima das Geheimnis ihrer Herkunft, „reise durch ganz Südamerika und verkaufe Kunsthandwerk“, sagt sie, „damit verdiene ich Geld und bin unabhängig.“ Das hatten wir doch schon mal. Ist sie etwa eine Kollegin von Martin Davoise?

Von ihrem derzeitigen Gastgeberland ist sie begeistert. „Paraguay gefällt mir. Wegen seiner Wurzeln. In Uruguay sind wir alle Europäer, me entendés? Dort gibt es ja noch nicht mal Indianer, die man herzeigen könnte, wenn Touristen kommen. Kein Denkmal erinnert an die Ureinwohner. Hier hingegen gibt es noch eine lebendige ursprüngliche Kultur. Die haben hier ihre eigene Sprache, das ist einzigartig, noo?“

 „Wir sind stolz auf unser Land“

„Ja“, sagt Carlos, „wir sind stolz, dass wir das einzige Land sind, das zwei offizielle Sprachen spricht. Paraguay ist ein tolles Land. Ich liebe es für das, was es erdulden musste, um zur Demokratie zu gelangen. Die Menschen verwechseln oft Staat mit Vaterland. Weil die Regierung schlecht funktioniert, denken sie, das Land ist Scheiße. Die Demokratie gefällt uns, weil wir uns frei ausdrücken können, weil wir sagen können, was wir denken. Und das war vor 20 Jahren nicht so.“

Ein zahnloser Alter mischt sich ins Gespräch und spricht über Stroessners Zeiten. Keiner verzieht eine Miene, der Alte darf mitreden. „Um 9 Uhr abends mussten die Jugendlichen von den Straßen verschwunden sein, damals“, sagt er. Man kann sich gut vorstellen, dass es Eltern gab, die das gut fanden.

Rafael nimmt den Faden wieder auf: „Obwohl Paraguay ein Land mit reichhaltiger Erde ist, reicht es nicht für den wirtschaftlichen Fortschritt. Wenn du studierst und dann die Fakultät verlässt, musst du auch das Land verlassen, um einen Arbeitsplatz zu finden, der deinem Abschluss entspricht.“

„Die Abgeordneten fressen das Geld“

Auch Samuel will über die Grenze. „Ich werde in Argentinien arbeiten gehen. Mein Alter hat studiert und ist arbeitslos. Alle meine Schwestern haben studiert und keinen Job gefunden. Ich weiß nicht, woran es liegt. Woran liegt es? An der Wirtschaft, an der Politik, am Geld? Am Geld, es fehlt Geld!!!“

Einige grinsen. Einer, der seinen Namen nicht sagen will, schreit: „Die Abgeordneten fressen das Geld auf.“ Gelächter.

Arturo wirft sarkastisch ein: “Paraguay ist Scheiße.” Er handelt sich Proteste ein, doch er bleibt dabei. „Wir sind alle arm. Das Geld reicht noch nicht mal für eine Zigarette. Ein Dreck ist das.“

„Du bist kein Paraguayer“, sagt Fátima verächtlich.

Arturo, der Sarkast, entgegnet: „Natürlich bin ich Paraguayer. Aber das ist meine Meinung. Gran Puta! Deshalb bin ich hier, um einen zu heben, Caña, Aristócrata, Tres Leones, Estrella (Schnapsmarken), alles was kommt.“

„Sie töten unsere Musik“

Carlos lenkt wieder auf das ursprüngliche Thema: „Du brauchst unbedingt einen Titel, um Arbeit zu bekommen. Aber um an einen Titel zu kommen, musst du studieren. Studieren kostet Geld, also kannst du es vergessen. Ich zum Beispiel will nach Argentinien, da lebt mein Onkel, ein berühmter Musiker. Mit ihm zusammen will ich Musik machen. Wenn ich das Land nicht verlassen kann, sehe ich keine Zukunft. Und am wenigsten in der Musik. Wenn du hier deine Platte aufnimmst, verdienst du nicht viel, auch wenn alle deine Platte kaufen. Die Leute schätzen die Musik nicht als Kunst. Sie glauben, es ist nur Unterhaltung. Deshalb kaufen sie Raubkopien. Sie töten unsere Musik. Ich bin Gitarrist, steh auf Ramones, Trash, Metal, von allem ein wenig. In Argentinien werde ich berühmt.“

Wenn es um Musik geht, sind sie sich einig. Die Liebe zur Rockmusik verbindet sie. © Thomas Schmidt

Wenn es um Musik geht, sind sie sich einig. Die Liebe zur Rockmusik verbindet sie. © Thomas Schmidt

Wenn es um Musik geht, sind sie sich einig. Die Liebe zur Rockmusik verbindet sie. Einige spielen in einer Band. Sie sehen sich als einen „tribu urbana“, einen Stamm aus der großen Wildnis Stadt, als eine pandilla de roqueros, eine Rocker-Clique. Da gibt es doch so viele Stämme. Die Villeros (Liebhaber der Cumbia aus den Elendsvierteln), die ihre Villero-Musik hören, die Reggaetoneros, die eine Mischung aus Reggae und Hip Hop bevorzugen, die Punker, die Metal-Fans, die Fans der paraguayischen Folklore („unsere Eltern“) und zuletzt, „die Typen, die es geschnallt haben“, die Roqueros, die klassischen Rock hören.

Und die Emus. „Die Emus? Wir verabscheuen sie. Es sind personas no gratas. Abschaum. Wir schwimmen eher auf der Metal-Welle und lieben de todo un poco (von allem etwas).“ Mit Ausnahme der Emus.

Da geht es nur um die Kurven

So sehr sie die Emus nicht mögen, so abschätzig lästern sie über Regaeton und Cumbia. „Menschen, die Regaeton und Cumbia hören, verwechseln Musik mit Unterhaltung“, sagt Carlos. „Diese Musikstile haben keinen Sinn und keine Botschaft. Rock ist Kultur, Regaeton ist Agrikultur.“

„Cumbia“, sagt Fátima, „es una porquería (“Es ist Schund”). Ha, ha, ha.” Rafael sekundiert: „Cumbia und Regaeton haben mir nie gefallen, und ich will sie auch nie hören. Stumpfsinnige Scheiße.“

Fátima: „Die Frau wird auf einem sehr niedrigen Niveau behandelt. Da geht es nur um die Kurven. Muy machista.“

Carlos: „Die Musik ist nicht gut strukturiert. Es ist ein toter Sound.“

Fátima: „Die Frauen erscheinen nicht als menschliche Wesen, sie sind Plastik, hueco.“

Das Leben in seiner ganzen Härte

Aber die Rockmusik … Die beschreibt la „pura vida“, das Leben in seiner ganzen Härte. Und deshalb sieht sich die Clique am Denkmal als eine Verschwörung von Realisten, die jede Menge Träume hat. Aber bevor sie an die Realisierung ihrer Träume denken, gehen sie noch mal an den Tisch der Werbeagentur, füllen den mittlerweile dritten Fragebogen aus und lassen sich ein eiskaltes Bier einschenken.

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